„Niedrigster Wert seit 2006″ oder „So hoch wie noch nie“? Was die Adipositas-Zahlen wirklich sagen

14. September 2026 · von Christina Schöllhorn · 17 Min. Lesezeit
„Niedrigster Wert seit 2006″ oder „So hoch wie noch nie“? Was die Adipositas-Zahlen wirklich sagen

Innerhalb weniger Wochen standen diese drei Schlagzeilen über Kinder in Deutschland in den Medien:

„Niedrigster Adipositaswert seit 2006 bei Kindern“

„Mehr adipöse Kinder in NRW bei Schuleingangsuntersuchung“

„Beim Thema Übergewicht gab es letztes Jahr so hohe Zahlen wie noch nie in NRW“

Alle drei stützen sich auf echte Daten. Die erste klingt nach Entwarnung, die beiden anderen nach Alarm – und ohne Einordnung führt jede von ihnen in die Irre, nur in unterschiedliche Richtungen. Wie kann das sein?

Uns ist wichtig, dass du dir dazu ein eigenes Bild machen kannst. Denn sonst entscheidet die Schlagzeile, die dir zufällig zuerst begegnet, darüber, was hängen bleibt. Bei croomel geht es uns um Ernährungsbildung in den ersten 1.000 Tagen – und dazu gehört auch, Zahlen und Studien einordnen zu können, die dir in dieser Zeit begegnen. Denn Adipositas ist nur der Anlass dieser Schlagzeilen; dieselben Denkfehler tauchen in Meldungen über Stillen, Beikost oder Zucker genauso auf.

Dieser Artikel ist deshalb zweierlei – eine Einordnung der aktuellen Adipositas-Zahlen und eine Anleitung, wie du die nächste Schlagzeile dieser Art selbst auseinandernimmst.

Wir fangen bei den Zahlen an. Denn genau hinzuschauen, was eigentlich gemessen wurde, lohnt sich.

Drei Datenquellen, drei verschiedene Antworten

Wer wissen will, wie viele Kinder in Deutschland adipös sind, findet je nach Quelle sehr unterschiedliche Zahlen. Das liegt daran, dass jede Quelle etwas anderes misst.

Die Schuleingangsuntersuchungen sind die Grundlage der ersten Schlagzeile. Vor der Einschulung werden Kinder ärztlich untersucht, dabei werden Größe und Gewicht gemessen. Das Ergebnis hinter der Schlagzeile: Das RKI-Dashboard weist für den Jahrgang 2024 3,5 Prozent adipöse Kinder im Einschulungsalter aus – der niedrigste Wert seit Beginn der Zeitreihe 2006. Zur Einordnung, wie groß diese Bewegung ist: In der zugehörigen Fachpublikation, die die Jahrgänge 2006 bis 2024 auswertet, lag die Adipositasprävalenz je nach Jahrgang zwischen 3,7 und 5,9 Prozent, Übergewicht insgesamt (inklusive Adipositas) zwischen 8,6 Prozent (2024) und 13,4 Prozent (2021). Aufgefallen? Dashboard und Publikation nennen für denselben Jahrgang 2024 leicht unterschiedliche Werte – vermutlich, weil eine laufend aktualisierte Datenbank und ein eingefrorener Publikationsstand unterschiedliche Datenlieferungen enthalten; es könnte aber genauso an einer anderen Länderauswahl liegen. Schon daran zeigt sich, wie sehr so eine Zahl vom Auswertungszeitpunkt abhängt. Genau genommen ist es außerdem keine Zahl für ganz Deutschland: Die Auswertung bündelt die Daten aus 13 der 16 Bundesländer, soweit die Länder sie geliefert haben. Der Rückgang der letzten Jahre ist erfreulich, spielt sich aber innerhalb einer Spannbreite von gut zwei Prozentpunkten ab – und weil je Jahrgang unterschiedliche Länder Daten liefern, kann ein Tiefstwert zum Teil auch daran liegen, welche Länder gerade mitzählen. Und die Zahl gilt nur für diese eine Altersgruppe: Fünf- bis Sechsjährige, untersucht etwa ein Jahr vor der Einschulung. Über ältere Kinder und Jugendliche sagt sie nichts.

Wie schnell so eine Bestwert-Meldung außerdem altern kann, zeigt der Blick nach Nordrhein-Westfalen. Dieselbe Datenquelle – Schuleingangsuntersuchungen, von Schulärztinnen und Schulärzten gemessen – steht dort hinter der zweiten Schlagzeile aus unserem Einstieg: Bei der Untersuchung 2025 stellte das Landesamt für Gesundheit und Arbeitsschutz bei 5,31 Prozent der angehenden Erstklässler eine Adipositas fest, im Vorjahr waren es 4,83 Prozent – laut Landesamt setzt sich damit ein Anstieg fort, der seit 15 Jahren zu beobachten ist. Die Zahlen selbst hat das Landesamt zum Zeitpunkt dieses Artikels übrigens noch nicht veröffentlicht – sie sind bislang nur über Medienberichte zugänglich, die sich auf Angaben des Landesamts berufen; die aktuellste amtliche Veröffentlichung ist der Report 2024. Auch das gehört zur Datenkompetenz: Manchmal ist die Schlagzeile schneller als die nachprüfbare Quelle. Wie passt das nun zum „niedrigsten Wert seit 2006″? Zweierlei löst den scheinbaren Widerspruch auf: Der Jahrgang 2025 steckt in der RKI-Zeitreihe noch gar nicht drin – die reicht bis 2024. Und NRW liegt deutlich über dem Schnitt der 13 ausgewerteten Länder: Das bevölkerungsreichste Bundesland mit seinen Ballungsräumen kann steigen, während der Durchschnitt sinkt, weil andere Regionen stärker zurückgehen. Ein Durchschnitt verdeckt eben auch Unterschiede – zwischen Regionen genauso wie zwischen sozialen Lagen. Dazu später mehr.

Die KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts ist die letzte bundesweit repräsentative Messung über alle Altersgruppen von 3 bis 17 Jahren (erhoben 2014–2017). Sie zeigt: Die Adipositashäufigkeit steigt mit dem Alter deutlich an – von 2,0 Prozent bei den 3- bis 6-Jährigen auf 8,5 Prozent bei den 14- bis 17-Jährigen. Übergewicht steigt von 9,0 auf 17,4 Prozent. Die Einschulungskinder sind also ausgerechnet die Gruppe mit den niedrigsten Werten. Wer aus ihren Zahlen eine Entwarnung für „die Kinder in Deutschland“ ableitet, blendet den größeren Teil des Bildes aus.

Die Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen stehen hinter der dritten Schlagzeile: In NRW wurde bei fast 19.000 Kindern und Jugendlichen die Diagnose Adipositas gestellt – ein Anstieg um 165 Prozent seit 2017. Klingt dramatisch. Aber Abrechnungsdaten messen etwas anderes: wie oft die Diagnose gestellt und dokumentiert wurde – und das kann von der tatsächlichen Häufigkeit deutlich abweichen. Ein Anstieg kann echte Gewichtszunahme bedeuten – oder mehr Arztbesuche, mehr Aufmerksamkeit für das Thema, verändertes Dokumentationsverhalten. Ein konkreter Faktor fällt genau in den Vergleichszeitraum: Im Juli 2020 hat der Bundestag Adipositas als chronische Krankheit anerkannt, mit dem erklärten Ziel einer regulären Versorgung. Wer eine Behandlung bekommen soll, braucht eine dokumentierte Diagnose – ein solcher Beschluss verändert also ganz direkt, wie konsequent kodiert wird. Ein grobes Rechenbeispiel zeigt die Lücke: Selbst wenn wir die fast 19.000 Diagnosen auf alle rund 3 Millionen Minderjährigen in NRW beziehen – tatsächlich stecken dahinter nur gesetzlich Versicherte und ein begrenzter Abrechnungszeitraum –, wären das etwa 0,6 Prozent, weit unter jeder gemessenen Häufigkeit. Der allergrößte Teil der tatsächlich betroffenen Kinder taucht in diesen Daten also gar nicht auf. Der Anstieg könnte zu einem guten Teil bedeuten: Es wird häufiger hingeschaut. Das wäre sogar eine gute Nachricht.

Dasselbe Muster, nur umgekehrt

Wer sich an die Berichterstattung vor einigen Jahren erinnert, hat ein Déjà-vu: 2023 machten Meldungen die Runde, die Adipositas bei Kindern sei während Corona um „fast 12 Prozent“ oder „mehr als 15 Prozent“ gestiegen. Die Unstatistik des Monats – eine Initiative von Statistikern und Risikoforschern – hat damals aufgedröselt, was dahintersteckte: ein Anstieg von 3,19 auf 3,55 Prozent in Krankenkassendaten, also 0,36 Prozentpunkte. Die relative Zahl klang alarmierend, die absolute Veränderung war klein, und die Datenbasis waren wieder Kassendaten, keine Bevölkerungsmessung. Ein Detail aus der Unstatistik-Analyse zeigt zusätzlich, wie schief solche Vergleiche werden können: Der Barmer-Report zählte demnach Kinder ab einem BMI von 30 als adipös – das ist die Schwelle für Erwachsene. Schuleingangsuntersuchungen und KiGGS arbeiten dagegen mit alters- und geschlechtsspezifischen Perzentilen, und hinter den Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen steht die ärztliche Diagnose, für die es wiederum keine einheitliche Messvorschrift gibt. Die Quellen messen also unterschiedliche Kinder auf unterschiedliche Weise – und legen dabei teils auch unterschiedliche Maßstäbe dafür an, wer überhaupt als adipös zählt. Spätestens damit ist klar: Diese Zahlen direkt gegeneinanderzustellen, ergibt einen Äpfel-Birnen-Vergleich. Die Unstatistik nennt für den Kassendaten-Vergleich noch drei weitere Haken: Durch Kassenfusionen ist der Versichertenbestand von damals mit dem von heute kaum vergleichbar, die Versicherten einer einzelnen Kasse sind keine Zufallsstichprobe der Bevölkerung, und ein Unterschied von 0,36 Prozentpunkten liegt ohnehin im Bereich dessen, was auch Zufall erklären kann.

Übersetzen wir das einmal in Kinder statt in Prozente: Von 10.000 Kindern waren vorher 319 betroffen, danach 355. Der Unterschied: 36 Kinder mehr – pro 10.000. Dieselbe Veränderung lässt sich also auf zwei Arten erzählen: „plus 11 Prozent“ oder „36 von 10.000″. Die erste Version macht Schlagzeilen, die zweite zeigt die tatsächliche Größenordnung. Deshalb lohnt es sich, bei relativen Anstiegen immer zu fragen: Wie viele Kinder sind das eigentlich absolut?

Damals wurde in Richtung Alarm zugespitzt. Heute passiert dasselbe in Richtung Entwarnung. Der Fehler ist beide Male derselbe: Eine Zahl wird aus ihrem Zusammenhang gelöst – welche Kinder, welche Erhebung, hat sich die Diagnosepraxis geändert, was ist überhaupt vergleichbar? – und für die gewünschte Erzählung genutzt.

Übergewicht oder Adipositas – und warum die Grenze keine biologische ist

In der Debatte wird gern nur über Adipositas gesprochen, als sei Übergewicht darunter bedeutungslos. Das greift zu kurz. Die Grenzwerte bei Kindern sind statistische Konventionen: Übergewichtig ist, wer über dem 90. Perzentil der Referenzwerte liegt, adipös, wer über dem 97. liegt. Die Perzentile beziehen sich dabei auf eine feste Referenzgruppe: deutsche Kinder, vermessen zwischen 1985 und 1999. Das 97. Perzentil markiert also die Linie, über der damals 3 Prozent der Kinder lagen – und nur weil diese Latte seitdem eingefroren ist, kann der Anteil darüber überhaupt steigen oder sinken. Nebenbei liefert das noch eine Einordnung der aktuellen 3,5 Prozent bei den Einschulungskindern: Sie liegen damit fast wieder auf dem Niveau der Referenzgeneration von damals – nach zwischenzeitlichen Höchstwerten von knapp 6 Prozent. Aber Achtung, auch das ist eine Erzählweise – dieselbe Zahl klingt so gleich viel harmloser. Ehrlicherweise gehören deshalb zwei Einschränkungen dazu: Die Referenzlinie beschreibt schlicht, wie die Kinder der 80er und 90er gewachsen sind – zu einer Zeit, in der die Gewichte bereits über denen früherer Generationen lagen. Und die Aussage gilt wieder nur fürs Einschulungsalter, in dem die Werte ohnehin am niedrigsten sind. Das gesundheitliche Risiko springt aber nicht an einer Perzentillinie um – es steigt kontinuierlich.

Und noch eine Ebene tiefer steht der BMI selbst immer wieder in der Kritik – zu Recht in dem Sinne, dass er ein grobes Maß ist. Er verrechnet nur Größe und Gewicht. Ob dahinter Muskeln oder Fett stecken und wo das Fett sitzt – gerade das gesundheitlich besonders relevante Bauchfett –, bleibt für ihn unsichtbar. Für das Urteil über ein einzelnes Kind ist er deshalb höchstens ein Ausgangspunkt, den die Kinderärztin im Gesamtbild einordnet. Als Bevölkerungsmaß leistet er dagegen gute Dienste: Er ist überall gleich einfach zu erheben, und auf Gruppenebene hängt er eng mit den relevanten Gesundheitsrisiken zusammen. Für die Frage „Wie entwickeln sich Kinder in Deutschland insgesamt?“ taugt er also – für die Frage „Ist dieses eine Kind gesund?“ braucht es mehr als eine Zahl.

Und die Langzeitdaten der KiGGS-Kohorte zeigen: Etwa jedes vierte Kind mit Übergewicht entwickelt später eine Adipositas. Übergewicht ist damit die relevanteste Frühwarnstufe für genau das Problem, über dessen Größe gestritten wird.

Auch der Blick über Deutschland hinaus mahnt zur Vorsicht bei Entwarnungen: Weltweit sind laut UNICEF inzwischen erstmals mehr Kinder und Jugendliche adipös als untergewichtig.

Hinter den Prozenten: 28.000 Kinder

Bevor wir rechnen, noch der Gedanke, der uns an der ganzen Debatte am meisten fehlt: Schlagzeilen leben von Veränderung – Anstieg, Rückgang, Rekord, Entwarnung. Die wichtigste Aussage der Daten ist aber gar keine Veränderung, sondern eine Konstante: Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen liegt seit 20 Jahren auf hohem Niveau. Bei der KiGGS-Basiserhebung 2003–2006 waren 15,0 Prozent der 3- bis 17-Jährigen übergewichtig, bei der letzten Messung 2014–2017 waren es 15,4 Prozent – die Linie ist praktisch waagerecht. Während über Zehntelpunkte rauf oder runter gestritten wird, bleibt das eigentliche Problem einfach da. Der Fairness halber, die wir oben selbst einfordern: Diese Konstante beschreibt die Gesamtgruppe der 3- bis 17-Jährigen. Im Einschulungsalter liegen die jüngsten Werte beim Übergewicht insgesamt inzwischen sogar leicht unter dem Niveau der Referenzjahre (8,6 statt 10 Prozent), bei der Adipositas weiterhin leicht darüber (3,5 statt 3 Prozent). Das hohe Gesamtniveau speist sich vor allem aus den älteren Kindern und Jugendlichen.

Dabei läuft längst viel wertvolle Prävention: Kassenfinanzierte Programme erreichen über 23.000 Schulen, Kita-Programme wie TigerKids zeigen in Evaluationen positive Effekte auf das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Kinder – gut möglich, dass das Niveau ohne sie noch höher läge. Diese Programme setzen im Kindergarten- und Schulalter an. Die Langzeitdaten, zu denen wir noch kommen, zeigen allerdings, dass sich Gewichtsverläufe schon ab dem dritten Geburtstag verfestigen. Je besser die Grundlagen davor gelegt sind – in Schwangerschaft, Still- und Beikostzeit –, desto mehr können Kita und Schule später darauf aufbauen.

Und dieses Niveau besteht aus Kindern. Noch eine Rechnung, die uns wichtig ist. In Deutschland werden pro Jahr gut 810.000 Kinder eingeschult. 3,5 Prozent davon sind rund 28.000 Kinder – Jahr für Jahr eine Kleinstadt voller Erstklässler mit Adipositas, jedes mit einer eigenen Geschichte. „Epidemie“ ist für Deutschland also tatsächlich die falsche Vokabel. Und gleichzeitig gilt: Hinter dem beruhigenden „nur“ stehen sehr viele einzelne Kinder. Prozentzahlen helfen beim Einordnen – absolute Zahlen holen die Kinder zurück ins Bild. Für ein ehrliches Bild braucht es beides.

Dazu kommt der Punkt, in dem sich ausnahmsweise fast alle einig sind: Adipositas ist bei Kindern sehr ungleich verteilt. Kinder aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status sind deutlich häufiger betroffen. Die Durchschnittszahl verdeckt diese Schieflage. Wie stark, zeigen die frischen NRW-Daten: Im Landesschnitt sind 5,31 Prozent der Einschulungskinder adipös – in Duisburg 8,61 Prozent, in Herne 8,01 und in Gelsenkirchen 7,61. Zwischen Landesdurchschnitt und einzelnen Ruhrgebietsstädten liegen also noch einmal mehr als drei Prozentpunkte. Jede Durchschnittszahl, über die öffentlich gestritten wird, mittelt solche Unterschiede weg.

Unser Fazit: Gesundheit lässt sich nicht wiegen

Und jetzt das, was uns bei croomel am wichtigsten ist: Die Waage ist ohnehin ein später und grober Indikator. Ein Kind kann laut Tabelle völlig unauffällig sein – und trotzdem sehr einseitig essen, kaum Gemüse kennen, sein Sättigungsgefühl verlernen.

Gleichzeitig zeigen Langzeitdaten aus Leipzig, wie früh sich Gewichtsverläufe verfestigen – und ab wann. In den ersten beiden Lebensjahren ist ein hoher Wert auf der Gewichtskurve oft schlicht Babyspeck: Säuglinge legen von Natur aus Fettreserven an, auch voll gestillte Babys wachsen anfangs häufig steil und landen weit oben in den Perzentilen. Von einer Adipositas sprechen Fachleute in diesem Alter deshalb sehr zurückhaltend – in der Studie war das eine rein rechnerische Einstufung über die Perzentilgrenze. Die Daten selbst bestätigen die Gelassenheit: Bei etwa der Hälfte der Kinder, die in den ersten beiden Lebensjahren über den Grenzwerten lagen, normalisierte sich das Gewicht bis zum Jugendalter wieder. Ab dem dritten Geburtstag dreht sich das Bild: Von den Kindern, die mit drei Jahren adipös waren, waren fast 90 Prozent auch als Jugendliche übergewichtig oder adipös. Und selbst bei Übergewicht unterhalb der Adipositas-Schwelle verfestigt sich der Verlauf: Von den Kindern, die mit vier Jahren übergewichtig waren, blieben 62 Prozent übergewichtig (21 Prozent) oder wurden adipös (41 Prozent) – und die stärkste Gewichtszunahme fand zwischen dem zweiten und sechsten Lebensjahr statt. Eine hohe Kurve im Babyalter darfst du also entspannt lesen; ab dem Kindergartenalter wird der Verlauf aussagekräftig. Die Weichen werden sehr früh gestellt.

Im Alltag der meisten Familien liegt die eigentliche Herausforderung beim Essverhalten: zu wenig Vielfalt, einseitige Vorlieben, Essen als Belohnung oder Trost – und all das gibt es in jeder Gewichtsklasse, die Waage zeigt es nicht an. Die Leipziger Daten liefern dabei das Wann: Die Verläufe verfestigen sich so früh, dass die Zeit davor zählt. Das Warum kommt aus der Prägungsforschung – dem Feld, in dem unsere wissenschaftliche Leitung Prof. Dr. Andrea Maier-Nöth seit über 25 Jahren forscht. Geschmackserfahrungen beginnen früher, als die meisten denken: schon im Bauch über das Fruchtwasser und später über die Muttermilch. In der Beikostzeit entscheidet dann vor allem Vielfalt und Wiederholung – auch bei Lebensmitteln, die ein Kind zunächst ablehnt. Ihre Langzeitstudie verfolgte Kinder von fünf Monaten bis ins Erwachsenenalter und zeigt, dass diese frühen Erfahrungen über Jahre nachwirken: Wer früh Vielfalt kennenlernt, akzeptiert Gemüse noch Jahre später besser. Geschmack, Vorlieben und der Umgang mit Hunger und Sättigung werden in der prägendsten Zeit gelernt – in den ersten 1.000 Tagen, von der Schwangerschaft bis ins Kleinkindalter – und wirken bis ins Erwachsenenalter.

Deshalb unser Blick auf die Zahlendebatte: Wer erst reagiert, wenn die Waage anschlägt, setzt zu spät an. Und wer Entwarnung gibt, weil die Waage bei Fünfjährigen unauffällig ist, ebenso. Was Kindern langfristig hilft, sind Eltern, die früh Vielfalt anbieten, gemeinsame Mahlzeiten leben und dem Sättigungsgefühl ihres Kindes vertrauen können – das wirkt weiter als jeder Alarm und jede Entwarnung.


Zum Mitnehmen: Sechs Fragen an jede Schlagzeile mit Zahlen

Datenkompetenz für den Alltag – oder, wie es in der Forschung heißt: Statistical Literacy. Diese Fragen helfen bei jeder Meldung über Kindergesundheit und Ernährung weiter, und sie brauchen kein Statistikstudium: Es reicht, sie sich vor dem Teilen oder Sorgenmachen einmal zu stellen.

  1. Wer wurde erfasst? Alle Kinder oder nur eine Altersgruppe, eine Region, die Versicherten einer einzelnen Kasse?
  2. Wurde gemessen oder diagnostiziert? Größe und Gewicht auf der Waage sind etwas anderes als eine abgerechnete Diagnose beim Arzt.
  3. Wie ist der Begriff definiert? Perzentile oder feste BMI-Schwelle – und gilt heute noch dieselbe Definition wie am Anfang der Zeitreihe?
  4. Relativ oder absolut? „Plus 11 Prozent“ kann ein Anstieg um 0,36 Prozentpunkte sein. Rechne die Zahl in Kinder um: Wie viele von 10.000 sind das?
  5. Ist der Vergleich fair? Gleiche Erhebung, gleiche Definition, gleicher Zeitraum – erst dann lassen sich zwei Zahlen überhaupt nebeneinanderlegen. Und: Wen umfasst die Datenbasis, hat sie sich zwischenzeitlich verändert, und ist der Unterschied groß genug, um mehr als Zufall zu sein?
  6. Was will die Schlagzeile? Alarm und Entwarnung verkaufen sich beide gut. Die Wahrheit steht meist in dem Absatz, der erklärt, was genau gezählt wurde.

Quellen

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