Wie oft muss dein Kind etwas probieren, bis es schmeckt?

02. Oktober 2026 · von Christina Schöllhorn·Wissenschaftlich geprüft von Prof. Dr. Andrea Maier-Nöth · 7 Min. Lesezeit
Wie oft muss dein Kind etwas probieren, bis es schmeckt?
– Kurz gesagt
  • Babys brauchen zu Beginn der Beikost oft 7 bis 8 Angebote, bis sie ein abgelehntes Gemüse essen.
  • Ältere Kinder brauchen mehr, meist 8 bis 15.
  • Die meisten Eltern bieten ein abgelehntes Gemüse nur ein- bis dreimal erneut an.
  • Jeder Kontakt zählt mit: sehen, anfassen, benennen, auch ohne Probieren.

Vielleicht kennst du die Situation: Du hältst den Löffel hin, dein Baby verzieht das Gesicht und schiebt den Brei mit der Zunge wieder raus. Beim nächsten Versuch das Gleiche. Irgendwann dreht es den Kopf schon weg, bevor der Löffel ankommt.

Die meisten Eltern geben nach wenigen Versuchen auf

croomel Gründerin Andrea Maier-Nöth hat Mütter in Deutschland und Frankreich gefragt, wie oft sie ein Gemüse erneut anbieten, nachdem ihr Baby es abgelehnt hat. Das Ergebnis: 85 % der Mütter boten es höchstens dreimal erneut an. Danach verschwand das Gemüse vom Speiseplan (Maier et al. 2007).

Das ist gut nachvollziehbar. Der Gesichtsausdruck eines Babys wirkt eindeutig. Niemand möchte sein Kind zu etwas drängen, und das Püree landet am Ende oft im Müll. Eine Studie aus den USA kommt zu einem ähnlichen Bild: Dort boten die meisten Eltern ein neues Lebensmittel drei- bis fünfmal an, bevor sie aufhörten (Carruth et al. 2004).

Der Haken: Für die meisten Babys sind das zu wenige Versuche.

Nach sieben bis acht Angeboten essen Babys das abgelehnte Gemüse

Genau an diesem Punkt setzt Andreas Studie an. Zu Beginn der Beikost suchten Mütter ein Gemüsepüree aus, das ihr Baby ablehnte und das sie sonst nicht mehr angeboten hätten. Also genau das Gemüse, bei dem sie bereits aufgegeben hatten.

16 Tage lang boten sie es jeden zweiten Tag an. An den Tagen dazwischen gab es ein Gemüse, das ihr Baby gern aß: Karotte.

  • Am ersten Tag aßen die Babys im Schnitt 39 g vom abgelehnten Gemüse und 164 g von der Karotte.
  • Beim achten Angebot waren es 174 g vom abgelehnten Gemüse, fast so viel wie von der Karotte (186 g).

Nach sieben bis acht Angeboten hatten die Babys das Gemüse also angenommen (Maier et al. 2007). Und viele mochten es noch Jahre später (Maier-Nöth et al. 2016).

Je älter dein Kind, desto mehr Angebote braucht es

Andrea sagt deshalb: Ein Lebensmittel braucht 8 bis 15 Angebote, je nach Alter. Babys am Beginn der Beikost brauchen oft nur 7 bis 8. Ältere Kinder brauchen mehr.

Das zeigen auch andere Studien. In einer Untersuchung mit 332 Kindern zwischen 4 Monaten und gut 3 Jahren aßen die jüngeren Kinder insgesamt mehr von einem neuen Gemüse als die älteren (Caton et al. 2014). Bei Zweijährigen stieg die Akzeptanz für unbekannten Käse oder unbekanntes Obst in einer älteren Studie erst ab etwa zehn Probierhappen (Birch & Marlin 1982).

Der Grund: Ab dem zweiten Lebensjahr werden viele Kinder vorsichtiger gegenüber Neuem. Fachleute nennen das Neophobie. Bei Babys ist diese Scheu noch gering. Deshalb lohnt sich der frühe Start in der Beikost besonders.

Genau deshalb ist es mir so wichtig, Eltern früh davon zu erzählen. Bis zum zweiten Geburtstag sind Kinder besonders offen für Neues. Vielfalt in dieser Zeit macht es später leichter, für dein Kind und für dich. Warum Vielfalt in den ersten 1000 Tagen auch für den Darm zählt, liest du in unserem Beitrag Darmgesund in den ersten 1000 Tagen.

Jeder Kontakt zählt, auch ohne Probieren

Bei croomel sagen wir: Alles ist Kontakt. Dein Kind sieht den Brokkoli auf deinem Teller, hört seinen Namen, darf ihn anfassen. Jeder dieser Momente macht ihn ein Stück vertrauter, auch wenn heute nichts davon im Mund landet.

Auch dazu gibt es Studien:

  • Bilderbücher: Kleinkinder, die zwei Wochen lang täglich ein Bilderbuch über ein unbekanntes Gemüse anschauten, aßen danach mehr davon als von einem vergleichbaren Gemüse, das sie nicht kannten (Heath et al. 2014).
  • Anfassen und Riechen: In einer Kita befühlten und berochen Kinder zwischen 1 und 3 Jahren vier Wochen lang ungewöhnliches Obst und Gemüse. Beim Essen danach fassten sie genau diese Gemüse häufiger an und probierten sie öfter (Dazeley & Houston-Price 2015).
  • Spielen: 3- bis 4-Jährige, die mit echtem Obst und Gemüse spielten, probierten danach mehr davon als Kinder, die mit Bastelmaterial spielten oder nur zuschauten (Coulthard & Sealy 2017).

Dahinter steckt ein Effekt, den die Psychologie seit Jahrzehnten kennt: Was uns wiederholt begegnet, mögen wir mit der Zeit lieber. Das gilt für Gesichter, Musik und Wörter genauso wie für Gemüse (Zajonc 1968). Am stärksten wirkt das Probieren selbst. Jeder andere Kontakt bereitet es vor und macht den nächsten Versuch leichter.

So klappt es im Alltag

  • Merk dir die Zahl 8 bis 15. Ein verzogenes Gesicht beim dritten Versuch ist ein Zwischenstand. Zähl ruhig mit.
  • Klein anbieten. Ein bis zwei Löffel oder ein paar Stücke reichen. So bleibt wenig übrig, wenn dein Kind ablehnt.
  • Im Wechsel mit Beliebtem. Genau so lief es in Andreas Studie: einen Tag das abgelehnte Gemüse, am nächsten eins, das dein Kind gern isst.
  • Gelassen bleiben. Du entscheidest, was auf den Tisch kommt. Dein Kind entscheidet, ob und wie viel es isst. Druck und Überreden machen ein Lebensmittel eher unbeliebter.
  • Mitessen. Wenn du selbst Brokkoli isst, sieht dein Kind, dass er dazugehört.
  • Kontakt außerhalb der Mahlzeit. Gemüse zusammen einkaufen, waschen, benennen, im Bilderbuch zeigen. Das zählt alles mit.

Ist dein Kind gerade insgesamt sehr wählerisch beim Essen? Antworten auf die häufigsten Fragen dazu findest du in unserem Beitrag Picky Eating: die 10 häufigsten Fragen und was Eltern wirklich hilft.

Kontakt beginnt schon vor der Beikost

Schwangerschaft
Das Prinzip gilt auch für dich: Such dir ein Lebensmittel aus, das du eigentlich nicht so magst, und trau dich noch mal ran. Findest du nach ein paar Versuchen doch Gefallen daran? Dein Baby lernt das Aroma über das Fruchtwasser gleich mit kennen. Mehr Ideen: fermentierte Lebensmittel in der Schwangerschaft.
Stillzeit
Wenn du stillst, schmeckt dein Baby über die Muttermilch mit, was du isst. Ob gestillt oder mit Säuglingsnahrung: Sag beim Kochen laut, was du gerade schneidest. „Das ist eine Pastinake. Mmmh, die riecht gut. Hör mal, wie sie knackt.“ Hören, Sehen und Riechen sind schon Kontakt.
Beikost
Jetzt sind Babys besonders offen für Neues. Such dir das eine Gemüse aus, das dein Baby gerade eher ablehnt oder liegen lässt, und biete es immer wieder an, im Wechsel mit einem Gemüse, das es gern isst. Mag es dein Baby nach 8 Versuchen vielleicht doch?
Familientisch
Kleinkinder brauchen mehr Anläufe, oft 8 bis 15. Gib dem abgelehnten Lebensmittel eine neue Rolle: Dein Kind darf es waschen, schnippeln oder in den Topf werfen, ohne es probieren zu müssen. Auch Einkaufen und Bilderbücher zählen als Kontakt.
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Quellen

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